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Medienmitteilung

Blocher kam, sprach und moderierte Von Markus Rohr

Alt-Bundesrat Christoph Blocher sprach in Winkel zur Vorlage über die Invalidenversicherung. Und über Bundespräsident Merz, Gott und die Welt. Die Zuhörer waren aus dem Häuschen.

Winkel. – Donnerstagabend, 18.55 Uhr, am Dorfeingang in Winkel: Die Autos stauen sich, ein Warnsignal mit Blinklicht deutet auf etwas Besonderes hin. Die Feuerwehr weist die Automobilisten in die langsam knapp werdenden Parkplätze ein. Der Kleintransporter mit dem aufgedruckten Slogan «Stau bekämpfen, SVP wählen» zeigt, wohin die Leute strömen.

19 Uhr: Die Kirchenglocken läuten wie jeden Abend. Vor dem Breitisaal sitzen ein paar Leute. Sie warten auf die Ankunft von Christoph Blocher. Blocher schauen! 19.10 Uhr: Ein silbergrauer Audi fährt vor. Am Steuer Livio Zanolari, der Kommunikationsberater von Blocher. Begrüssung durch die Winkler SVP-Präsidentin Gerda Strasser 19.15 Uhr: Noch schnell eine Tasse Kaffee für den Redner. Da ein Händedruck, dort ein Bild zusammen mit dem Politstar oder auch nur eine Unterschrift von ihm.

Patriot oder Populist?

Um 19.30 Uhr ist der Saal voll. Über 300 Personen, eher mittleren Alters oder dann ganz jung, sind gekommen. Aus dem ganzen Unterland, ja sogar von der Forch oder aus Schaffhausen. Eingelassen wurden sie von zwei gestrengen Securitas-Augenpaaren. Der Fotograf des «Tages-Anzeigers» muss seinen Rucksack öffnen. Keine Petarde! Nur Kameras und Objektive.

19.31 Uhr: Begrüssung durch die Parteipräsidentin mit der Aufforderung zum Applaus. Sie bezeichnet Blocher als den meistgeliebten, aber auch umstrittensten Politiker des Landes. Für einen Teil der Bevölkerung sei er «ein aufrechter Patriot und Ausmister der verfilzten Politik, für die andern ein Populist, der mit einfachen Parolen und rhetorischen Rundumschlägen seine Interessen auf Kosten der Schwächeren und Ärmeren durchsetzt». Aber: «Er hat immer recht gehabt.» Applaus.

Alle sind einer Meinung

Christoph Blocher tritt um 19.35 Uhr ans Rednerpult. Mausgrauer Anzug, blaues Kurzarmhemd mit assortierter Krawatte. Schwarze Schuhe. Thema des Abends: Die Volksabstimmung vom 27. September über die Zusatzfinanzierung der Invalidenversicherung. Blochers Argumente sind bekannt. AHV plündern und Mehrwertsteuern erhöhen – Nein! Blocher referiert knapp 20 Minuten zum Thema. Konzentriert, mit ernster Miene und eindringlich lauter Stimme, gelegentlich deftiger Sprache und der üblichen Gestik. Ein Manuskript braucht er keines, dafür das Pult. An dem hält er sich fest, schlägt auch mal drauf. Ständig steckt er seine rechte Hand in die Tasche des Vestons.

19.53 Uhr: Der Vortrag ist zu Ende. «So, jetzt könnt ihr auch das Gegenteil behaupten», sagt Blocher. Niemand will. «Dann stehe ich für Fragen zu Verfügung, es können auch heftige oder unanständige sein.» Die Diskussion moderiert Blocher gleich selbst. «Sii döt», «der Herr da», «ränned Sie emol echli, Si händ längeri Bei als ich», sagt er zum Mann, der das Mikrofon reicht. Über ein Dutzend Fragen werden gestellt. Nur selten zur Abstimmungsvorlage. Die Themenpalette ist breit: Erhöhung der Eigenmietwerte, Goldreserve, Freizügigkeitsklausel, Kinderzulagen an Ausländer und so weiter. Jetzt ist Blocher im Element und strahlt auch mal, macht Witze, bringt das Publikum zum Lachen. Fragen, die nicht gestellt werden, stellt er sich selbst. So kann er auch seine Lieblingsthemen wie die Asyl- oder Bildungspolitik einbringen und sich über den Bundesrat äussern.

«Wer jetzt in den Bundesrat gewählt worden ist, ist nicht so wichtig. Viel wichtiger sind die Wahlen in Deutschland», sagt er. Ja, und diese Reise des Bundespräsident nach Libyen. Das sei eine Katastrophe. Ein Bundespräsident dürfe nie verhandeln. Als Unternehmer habe er immer seine Untergebenen zum Verhandeln geschickt, dann aber den Vertrag unterschrieben und den Champagner getrunken. Schuld an dieser Reiserei sei der Ogi, der habe mit dieser Unsitte begonnen.

21.10 Uhr: «So, jetzt lasse ich noch eine Frage zu, ich bin nämlich werktätig und muss nach Hause. Sie nehmen es mir hoffentlich nicht übel, wenn ich aufhöre.» «Woll-woll», tönt es aus dem Saal zurück. Gelächter.

21.15 Uhr: Die Präsidentin dankt dem lieben Christoph, übergibt den Blumenstrauss für die nicht anwesende Frau Blocher sowie zwei Flaschen Eglisauer. Sie erhält vom Star des Abends Küsse. Stehende Ovation. Die SVP-Präsidentin ruft dazu auf, im Foyer noch etwas zu konsumieren. Ein junger Mann hat eine Frage: «Schreiben Sie mir einfach, dann können wir einen Termin abmachen und die Sache besprechen», sagt Blocher. Ein zufriedenes Publikum geht nach Hause oder in die Beiz und wird sagen: «Dä hätt enes wieder mol gsäit». Zurück bleibt die ewig lächelnde SVP-Sonne auf dem Plakat. Es verspricht eine «saubere Zukunft in Freiheit».

Politstar Christoph Blocher war bei seinem Auftritt im Unterland ein vielgefragter Mann. (Tages-Anzeiger)

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